China-Newsletter 03/2020
 
Wir begrüßen unsere Leser*innen zum dritten Newsletter des China-Programms der Stiftung Asienhaus im Jahr 2020. Mittlerweile haben wir uns auf unsere dezentrale und digital unterstützte Arbeitsweise eingestellt. Wir sitzen ununterbrochen daran, die Informationsflut zu COVID-19, China und den chinesisch-europäischen Beziehungen zu strukturieren und zivilgesellschaftliche Entwicklungen im Land trotzdem nicht aus dem Blick zu verlieren. Zusammen mit unseren Kolleg*innen in der Stiftung und dem philippinenbüro haben wir diese Woche die Seite "Corona in Asien: zivilgesellschaftliche Länderperspektiven" gestartet. In den ersten Beiträgen zu China geht es um zivilgesellschaftliches Engagement, Arbeiter*innenproteste und die Systemfrage mit Blick auf den Umgang mit der Pandemie.
 
Neben dem auslaufenden EU-China NGO Twinning Program (2012/13-2019/20) und dem Gemeinschaftsprojekt "Asien in der globalisierten Welt" haben wir während der letzten zwölf Monate intensiv an neuen Formaten und Förderoptionen gearbeitet. In diesen schwierigen Zeiten können wir uns nun über die gute Nachricht freuen, dass Brot für die Welt unser Pilotprojekt "Zivilgesellschaftlicher Dialog im Kontext der Neuen Seidenstraßen" für zwei Jahre finanzieren wird. Dies ist ein wichtiges Signal in Zeiten, in denen sich die Beziehungen zu China und der Diskurs darüber zunehmend polarisieren.
 
Die chinesische Regierung hat ein eindeutiges Zeichen gesetzt, um der Bevölkerung zu signalisieren, dass das Coronavirus besiegt sei: Ende Mai werden der Nationale Volkskongress und die Politische Konsultativkonferenz in Peking tagen. Gleichzeitig gibt es nach wie vor lokale Ausbruchscluster, so z.B. in der Stadt Harbin mit 4,5 Millionen Einwohner*innen. Außenpolitisch treten chinesische Diplomat*innen aggressiv auf und üben Druck auf das Narrativ aus, dass das Virus zuerst in China aufgetreten ist und Informationen zu seiner Verbreitung zunächst vertuscht wurden. Während die Kritik an der chinesischen Informationspolitik wichtig ist, nutzen einige Regierungen in Europa und Nordamerika diese jedoch, um von der eigenen mangelhaften Reaktion auf die Pandemie abzulenken.
 
Dieser Newsletter behandelt eine ganze Reihe von Themen: Verhaltenskodex zur Situation im Südchinesischen Meer, das Tabuthema Menstruation in China, Hongkongs Kampf um Demokratieerhalt in der Coronakrise und Rassismus in Guangzhou.
 
Wir wünschen wie immer viel Vergnügen bei der Lektüre. Bleiben Sie gesund.
 
Joanna Klabisch
Christian Straube
 
Regelmäßig informiert auf unseren China-Seiten:
www.asienhaus.de/china/
www.stimmen-aus-china.de
www.eu-china-twinning.org
 
 
 
Untertitel
 
Nǐ hǎo (你好) im Reichstag Korridore der Macht
 
Die Verhandlungen über einen verbindlichen, sogenannten "South China Sea - Code of Conduct" wurden nun offiziell unterbrochen. Während die meisten der beteiligten südostasiatischen Staaten inmitten der Coronakrise stecken, fürchten Kritiker*innen, dass die chinesische Regierung ihre Hoheitsansprüche in der Region verfestigt.
 
Seit 1995 China und die Philippinen durch ihre Ansprüche am "Mischief Reef" in eine bis dato nicht für beide Parteien zufriedenstellend gelöste Auseinandersetzung gerieten, erweist sich die Region des südchinesischen Meeres immer wieder als Konfliktherd. Das Thema offenbart die Schwachpunkte der ASEAN-China-Beziehungen. Ein "Code of Conduct" soll eine Eskalation im südchinesischen Meer verhindern. Die Situation ist jedoch so komplex und sensibel, dass digitale Räume weiteren Aushandlungsprozessen nicht gerecht werden können. Es bedarf angeblich sogenannter "Korridore der Macht". Alle Parteien sind sich darüber einig die Gespräche so zeitnah wie möglich wieder aufzunehmen.
 
 
 
Menstruation: ein Tabuthema in China wackelt
 
Viele Chinesinnen schämen sich, wenn sie über ihre Menstruation sprechen. So nennen sie sie nicht beim Namen, sondern umschreiben sie mit Sätzen wie "das eine da", "die Tante ist gekommen" oder "der regelmäßige Feiertag". Die Corona-Krise hat jedoch dazu geführt, dass das Thema gesellschaftlich in den Fokus gerückt wurde. So hat „Liang Yu Stacey“, eine Weibo-Bloggerin, eine Online-Debatte ausgelöst. Sie fragte, ob es genügend Damenbinden und Menstruationsunterwäsche in den Krankenhäuser gibt, und ob zuverlässige Spendenkanäle für diese Artikel bestehen. Es zeigte sich, dass Damenbinden und Menstruationsunterwäsche trotz eines Mangels von den männlichen Krankenhausleitern als "nicht wichtig" eingestuft wurden, und deshalb auch keine Spendenkanäle vorhanden waren.
 
„Liang Yu Stacey“ rief sofort eine Spendenkampagne unter dem Namen "Bestärkung der Schwestern im Kampf gegen das Virus" ins Leben, die Millionen Menschen erreichte. Ein öffentlicher Diskurs wurde losgetreten. Frauen sollten sich nicht mehr für ihre Menstruation schämen. Politik und Gesellschaft sollten insbesondere arbeitenden Frauen jene Unterstützung gewähren, die sie verdienen. So schreibt eine Weibo-Nutzerin: "Der Grad des zivilen Fortschritts eines Landes oder einer Gesellschaft hängt vom Grad der Befreiung der Frauen in diesem Land oder dieser Gesellschaft ab. Befreie dich selbst, anstatt darauf zu warten, dass andere dich befreien."
 
 
 
Demokratiebewegung im Schatten der Coronakrise
 
Mehr als ein halbes Jahr beschäftigte der Konflikt zwischen der Demokratiebewegung und der Hongkonger Regierung die internationale Öffentlichkeit. Doch die Ausbreitung des Coronavirus sorgte für ein Abflauen der Proteste und damit auch für ein Ende der Berichterstattung. Das erschütterte Vertrauen zwischen den Konfliktparteien blieb jedoch bestehen, was die Reaktion Hongkongs auf die Pandemie erschwerte. Gabriel Leung, Professor für Gesundheitswesen an der Hong Kong University, folgerte, dass die Menschen in dieser Krise „besonderes Vertrauen, eine ausgeprägte Solidarität, ein Gefühl von Wohlwollen“ benötigen „was alles komplett aufgebraucht ist.“ So ergab eine Edelman-Barometer-Umfrage, dass 60% der Hongkonger*innen der Lokalregierung misstraut.
 
Die Festnahmen vom 18. April 2020, bei denen vierzehn führende Mitglieder der Demokratiebewegung festgenommen wurden, lösten nun neue Wellen der Empörung und internationale Kritik aus. Unter den Festgenommenen war auch der Jurist Martin Lee, der an der Verfassung Hongkongs mitschrieb und in der Stadt "Vater der Demokratie" genannt wird. Angesichts rücklaufender Infektionszahlen könnte dieses Vorgehen die Entschlossenheit der Demokratiebewegung wieder entfachen. Auch ein Ausbrechen neuer Gewalt scheint nicht ausgeschlossen. Es bleibt abzuwarten, ob stattdessen ein deeskalierender Dialog auf Augenhöhe zwischen den Konfliktparteien aufgebaut werden kann.
 
 
 
Coronakrise befeuert Rassismus in Guangzhou
 
Die Stadt Guangzhou im Süden Chinas beherbergt die größte afrikanische Community in Asien. Viele Afrikaner*innen leben seit Jahrzehnten dort. Sie sind fester Bestandteil der Stadt und seiner wirtschaftlichen Beziehungen mit dem afrikanischen Kontinent. Jedoch existieren nach wie vor Vorurteile gegenüber Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Verstärkt durch die Furcht der Stadtverwaltung und Bevölkerung vor einer zweiten Ausbreitungswelle des Coronavirus, schlugen diese in offene Diskriminierung um.
 
Die Stadtverwaltung Guangzhous beschloss verpflichtende Überwachungs-, Test- und Quarantänemaßnahmen für alle Einwohner*innen mit Pässen afrikanischer Länder, unabhängig von Testergebnissen oder Reiseverhalten. Diese systematische Diskriminierung beförderte den Rassismus gegenüber Afrikaner*innen in der chinesischen Bevölkerung. Menschen mit schwarzer Hautfarbe wurden von ihren Vermieter*innen rausgeworfen oder an Hotelrezeptionen abgelehnt, während andere Ausländer*innen von derartigen Verhaltensweisen verschont blieben. Den Betroffenen mangelt es an rechtlicher Unterstützung, um gegen die Diskriminierung und z.B. fremdenfeindliche Parolen wie "Das ist China, nicht Nigeria!" vorzugehen.
 
Die Volksrepublik China beschwört seit jeher die afrikanisch-chinesische Freundschaft und chinesische Unternehmen investieren seit Jahren in zahlreichen Ländern des Kontinents. Ostafrikanische Länder sind Teil der Neuen Seidenstraßen. Die Konsequenzen der Geschehnisse in Guangzhou sind für die Beziehungen zu Ländern wie z.B. Nigeria noch nicht abzusehen. Es gibt Stimmen, die eine Rückbesinnung auf den Spirit von Bandung und afrikanisch-chinesische Solidarität auf Basis alltäglicher Begegnung fordern.
 
 
Publikationen und Termine
 
Globalisation with Chinese Characteristics: The Role of the State in China's Belt and Road Initiative - Herbst 2019
 
07.05.20, 18 Uhr:
Chinas Frauen und Mütter
Miriam Leitner und Theresia Romberg-Frede führten über einen Zeitraum von zwei Jahren Interviews mit chinesischen Frauen. Sie erfuhren von ihren ganz persönlichen Lebensgeschichten, von ihren Wegen, Werten, Wünschen und Hoffnungen – für sich und ihre Kinder. Das Ergebnis, zusammengetragen in ihrem Buch „ANDERS GLEICH“, präsentieren sie in ihrem Vortrag.
 
Anmeldung unter info@drachenhaus-verlag.com.
 
 
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